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25. PROTERRA-Jubiläum – 13.-20. Oktober 2012 auf Naxos


Von PROTERRA - Erstellt am30. Januar 2013 - 14:26Druckversion

Dr. Manuel Lapp ist Mitbegründer von PROTERRA und hat an der Gründung des KOEN auf Naxos 1989 teilgenommen. Er ist Naxos und der ökologischen Arbeit von PROTERRA seit langem verbunden. Schon 1981 hat er als Schüler der Tellkampfschule Hannover an einem vierwöchigen Geländepraktikum im Dorf Tripodes und dem nahen Katarráktistal auf Naxos teilgenommen und an der Veröffentlichung des Buches „Versuch an Naxos – Annäherung an ein griechisches Dorf“ 19821 mitgewirkt. Manuel ist Geologe in Freiberg, Sachsen.

Klaus Windolph Hrsg.(1982): Versuch an Naxos – Annäherung an ein griechisches Dorf (1982). Selbstverlag.

Bereits im April 1981 verbrachte eine Gruppe von 12 SchülerInnen der Tellkampfschule Hannover einen dreiwöchigen Projektaufenthalt im Sinne einer Reisenden Schule mit landschaftsökologischen und kulturgeographischen Studien auf Naxos. Ein fast 200 Seiten starkes Buch mit dem Titel, Versuch an Naxos – Annäherung an ein griechisches Dorf, dokumentiert die Ergebnisse der Fahrt auf beeindruckende Weise. Während des Forums Von der Schule in die Welt – Perspektiven internationaler Bildungsarbeit im Juni 2011 im Leibnizhaus Hannover, beendete der Initiator und Ideengeber von PROTERRA und des genannten Projektaufenthaltes – Klaus Windolph – seine hauptamtliche Arbeit in der Schule. Dort entstand auch die Idee, an die Gründung von PROTERRA vor 25 Jahren zu erinnern. Während dieser 25 Jahre engagierte sich PROTERRA mit verschiedensten Aktivitäten durch das Ökologische Zentrum Naxos (K.O.E.N.) und die Naxos Akademie für zahlreiche Belange der Insel. Organisiert mit naxischen Freundinnen und Freunden entstand ein sechstägiges Programm, offen für Gäste aus verschiedenen Ländern Europas. Der einwöchige Aufenthalt sollte viel Zeit zum Erholen mit Aktivitäten verbinden, die die Besonderheiten von Naxos abseits des Touristengeschehens zeigten. Darüber hinaus sollte ein Diskurs über gesellschaftliche und demokratische Entwicklungen in Griechenland angeregt werden. Im Oktober 2012 fanden sich zwölf Gäste aus drei Ländern Europas auf Naxos ein. Aus nordeuropäischer Sicht zeigte sich Naxos mit hochsommerlichen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein von einer seiner besten Seiten. Die Vegetation hingegen verlangte dringend nach etwas Wasser.

Auf dem Programm standen Themen wie Naturschutz - Küstenlandschaften und Strände, mit einer Wanderung von Trípodes durch das Katarráktistal zum Strand von Pláka und weiter nach Míkri Vígla. Die Bedeutung der historischen Kulturlandschaft der Tragea auf Naxos wurde durch Wanderungen in den Olivenhainen der transmontanen Ebene, den Besuch der Kultureinrichtungen der Dörfer, Informationen über die Olivenölherstellung bei dem Besuch einer alten Ölmühle sowie einer Diskussion im Olivenhain der Naxos Akademie in Monítsia verdeutlicht. Ein Höhepunkt war zweifellos der Besuch der alten Ölmühle in Damalás und die Gespräche mit den Dorfbewohnern. Es war für uns Gäste nicht ganz klar, was beeindruckender war, die herzliche Gastfreundschaft der ehrenamtlichen griechischen Museumsbetreiber oder die Erklärungen und Gerätschaften zur traditionellen Olivenölherstellung. In Chalkí erfolgte der Besuch der Kunstgalerie von Katharina, der Läden, der Marmeladenfabrik, der Weberei und der über 100 Jahre alten Destillerie von Valindras für Ouzo, Rakí und Cítron. Ein Höhepunkt waren die Ausstellungsräume des Bildhauers Ingbert Brunk. Auch sein Atelier in Azalas bei Moutsonna an der Ostküste von Naxos konnten wir besichtigen. Dabei wurde verständlich, wie sehr Ingbert vom naxischen Marmor mit seinen großen, reinen Kristallen, seiner Farbigkeit und den Zwischenlagen anderer Gesteine inspiriert wird. Dazu kommt die einmalig schönen Lage des Ateliers. Eigentlich kein Wunder, dass uns seine Kunstwerke überzeugten. Weiterhin fand eine Exkursion zum Hauptmarmorbergbau von Naxos in der Nähe von Kinidaros statt. Hier wird der grobkörnige und teilweise sehr weiße Marmor im Tagebau in großen Blöcken überwiegend für den Export als Werkstein gewonnen. Vergleichbar bescheidene Abbaumengen, viel Abraum, lange Transportwege, damit verbundene hohe Abbaukosten und nicht zu leugnende negative ökologische Konsequenzen sind wichtige Aspekte des Abbaus, die wir kurz diskutieren konnten. Zum Glück ist Marmor auf der Insel Naxos immer noch der beliebteste Werkstein. Überall findet man ihn in Mauern verbaut. Aber auch als hochwertige Fliesen ist er der dominierende Werkstein, der Naxos ein unvergleichliches Flair verleiht. Auch der in historischer Zeit weit über Naxos hinaus bedeutende Schmirgelabbau wurde besichtigt. Das Mineral Korund, aus dem der Schmirgel besteht, ist Bestandteil des Schmirgelpapiers. Da man diesen inzwischen synthetisch billiger herstellt, kam der Abbau zum Erliegen. Warum heute im Hafen von Naxos Chora seit ca. 20 Jahren erstmalig wieder Schmirgel verladen wird, blieb uns ein Geheimnis. Sehr wirtschaftlich kann das eigentlich nicht sein. Ein informativer und sehr lesenswerter Beitrag zum naxischen Schmirgel von Winfried Scharlau findet sich unter . Bei T’Aperáthou wurde im Tal von Perachorió ein Teil des Ergebnisses eines MEDSPA-Programms der Europäischen Union vorgestellt. Übergeordnetes Ziel war die integrierte Entwicklung der peripheren, wirtschaftsschwachen ländlichen Räume und die Förderung lokaler Initiativen. Es sollte ein Ausgleich der Entwicklung zwischen dem strukturschwachen Inselhinterland, d.h. der Bergregion und den schon stark belasteten Tourismuszonen der Westküste erreicht werden. Wir haben uns das heutige Ergebnis in Form von Terrassen- und Erosionsschutzmauern angesehen und kontrovers diskutiert. Das integrierte Bodenschutzprogramm hatte zum Ziel die Bodenerosion zu mindern, Vegetation zu regenerieren und Grundwasservorräte anzureichern. Über 10 Jahre nach Abschluss des Projektes waren die Sedimentfangbecken auf der Talsohle vollständig mit Sediment gefüllt und verdeutlichten einmal mehr die Intensität der Bodenerosion und damit den Sinn des Projektes und auch die Wirksamkeit. Leider zeichnete sich das landschaftlich überaus reizvolle Tal mit wunderschönen Terrassen und einem wertvollen Kermeseichenbestand durch eine massive Überweidung durch Ziegen und Schafe aus. Die machen heute letztendlich die damaligen Bemühungen zunichte. Es zeigt sich einmal mehr, dass gute Projekte auch einer intensiven Nachsorge bedürfen ehe sie wirkliche Selbstläufer werden.

Ein Höhepunkt des Aufenthaltes war ein Forum im Lyzeum von Naxos zu Aspekten der Demokratie und Gesellschaft in Griechenland – Democracy in Motion in Europe. Prof. Dr. Georgios Mentis, Rechtsanwalt, Universität Athen, eigens aus Athen eingeflogen, hielt einen guten Vortrag über eine demokratische Entwicklung, die ihm in Griechenland unter der derzeitigen finanzpolitischen Lage nicht möglich erscheint.

Prof. Dr. Kostas Karatzoglu war leider verhindert. Sein Beitrag wurde daher verlesen. Er enthielt zahlreiche interessante Thesen zur deutsch-griechischen Zusammenarbeit und der aktuellen Lage Griechenlands. Diese beinhalteten das Unwesen der Korruption in Deutschland und Griechenland oder die unterschiedlichen Herangehensweisen deutscher Studenten einerseits und griechischer Universitäten andererseits. Während sich in Deutschland die Korruption vorwiegend auf die Spitzen der Wirtschaft und Politik konzentriere, seien in Griechenland alle Ebenen bis in den Alltag hinein korrupt. Er lobte den engagierten Einsatz deutscher Studenten für ihre Diplomarbeiten und Dissertationen auf Naxos und kritisierte die fehlende Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei griechischen Universitäten. Es entfaltete sich eine angeregte Diskussion mit dem Versuch eines Diskurses über politische, kulturelle, soziale Parameter der gesellschaftlichen Veränderungen. Unstrittig war die für Griechenland unzumutbare und grausame Situation. In der Kürze der Zeit und aufgrund der Komplexität möglicher Lösungswege konnten Thesen nur andiskutiert werden. (1) Ist der Austritt Griechenlands aus dem Euro und die Rückkehr zur Drachme sinnvoll, eine weitere entsetzliche Katastrophe oder überhaupt möglich? (Der Ausdruck „entsetzliche Katastrophe“ kommt von Kostas) (2) Kann der griechische Staat seine Insolvenz anmelden oder die Rückzahlung von Krediten verweigern? Und was sind die Konsequenzen? (3) Ist die aus dem ganzen Desaster nicht die logische Konsequenz, dass wir dringend „mehr Europa“ brauchen? Die Diskussion dauerte natürlich über das Forum hinaus an. Da die Argumente hier nur sehr ansatzweise wiedergegeben werden können sollen hier ein paar Links genannt werden:

Eine gute Chronologie der Krise findet sich unter: () Gute Erklärungen zu Ursachen und Wirkungen finden sich in Wikipedia: ()

Uns alle verbindet eine große Liebe zu Griechenland, weshalb wir die Berichte über die verheerende Lage Griechenlands besonders aufmerksam in der Presse verfolgt haben. Anfängliche Angst, man könne deutsche Touristen für die Haltung einiger deutscher Politiker verantwortlich machen, erwiesen sich als vollkommen unbegründet und abwegig. Wir wurden ausgesprochen freundschaftlich aufgenommen. Sicherlich lag dies auch an der langjährigen engagierten Arbeit von Proterra auf Naxos.

Soweit dies bei der Anreise zeitlich möglich war, konnten sich einige ein Bild von Athen machen. Es fielen nicht nur die vielen Schilder an Häusern auf, die den Verkauf der Immobilie anpriesen. Vor allem im Zentrum um Syntagma und Omonia standen gefühlte 50% der Geschäfte leer. Bettler sah man erschreckend viele. Um die Akropolis und in Piräus hingegen war der Leerstand an Geschäften weit weniger dramatisch. Erfreulicherweise erschien dies zumindest für den flüchtigen Betrachter auch auf Naxos so zu sein. Erst in Gesprächen bekommen wir ansatzweise ein Gefühl für die Tragweite der Krise vor Augen geführt. Gehaltskürzungen, Arbeitslosigkeit, hohe Preise, eine hohe Steuerlast bis zur geplanten Privatisierung von Stränden sind nur wenige der Einschnitte, die das stolze Volk der Griechen ertragen muss. Aus unserer Sicht bedauerlich ist die sich aus alle dem ergebende Kritik am Einigungsprozess Europas und die zunehmende Beliebtheit von Verschwörungstheorien. Für die doch eher stolzen Griechen eine wahre Katastrophe. Vielleicht muss man es positiv sehen, dass Griechenland und der Rest Europas nicht umhinkommt sich über die Ursachen der Krise Gedanken zu machen. Hoffentlich werden die richtigen Konsequenzen gezogen. In bleibender Erinnerung ist uns das Abschlussfest bei Astrid und Niko in Azalas mit köstlichem Essen, Gesang und Musik auf der Bouzouki geblieben. Wir sitzen lange bei mildem Herbstwetter auf der Terrasse mit Blick auf das Meer und Donousa in der Ferne. Am Ende der Woche waren sich die Teilnehmer nicht ganz einig, ob thematisch zu viele oder zu wenige Aktivitäten durchgeführt wurden, wahrscheinlich ein ganz guter Indikator, dass das Maß für die heterogene Gruppe ganz gut getroffen wurde.

Dr. Manuel Lapp