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EU-Kongress ARTivism Drives Democracy in Lviv 24.5.-5.6.2016 - Bericht und Ausblick


Von PROTERRA - Erstellt am17. August 2016 - 13:42Druckversion

Gruppenfoto Artivism.gifA young student, Eirini Mavromati from Athens, participant of the Erasmus+ projects Democracy in Motion /DIM I/Hannover/2012 and DIM II/Barcelona 2013 had the idea for Artivism Drives Democracy first. She published on our DIM-Web-page:

What is the role of art? Well, this is a huge discussion…but not when a society, a whole country is in crisis. The role of art in this case is to become a weapon. A powerful and peaceful weapon, that can make people realize some things that happen around them and –sometimes - they cannot see. In Greece, these years that the country is lost in crisis street art has “bloomed”, something that was not happening some years ago. Talented artists use their tools and paints to silently shout their own message about society and crisis, through the walls of the big cities. Walking around the streets of Athens these works of (street) art are telling you the story of Greece nowadays. Their purpose is clear: Either social or economic, the problems are here. Open your eyes. So far, things had been done for the change (for example, the “Indignados” movement – in Greek, “Aghanaktismenoi” – back in 2011, in Syntagma Square). However, more should be done. The change will come from the people. All they need is to open their eyes and minds – and see: That’s what political street art tries to do. <

So entwickelte sich ARTivism Drives Democracy durch Eirini’s Anregung. Wir trafen uns in Athen und diskutierten in kleinen Gruppen. Dann kamen wir zu einer ersten Konferenz im Oktober 2014 für zwei Wochen in Athen zusammen, um uns als europäische Initiative zu konstituieren.

ARTivism Drives Democracy ist also von Anfang an eine europäische Initiative von Künstler/ -innen, Experten internationaler Bildungsarbeit und jungen aktiven Bürger/ -innen. Dieses Projekt entstand, wie gesagt, in Griechenland 2014. Die Kunst-Professorin Eugenia Arsenis, die Filmemacherin Sofia Papachristou, der Fotograph Norman Mayers, die Politologin Franziska Wolters, der Juraprofessor Georgios Mentís, die Human Resource Managerin Eirini Mavromati, die Bildungsmanagerin Christina Pópori und der Manager internationaler Bildungsprojekte Klaus Windolph diskutierten in Athen, wie Politik, Gesellschaft und Kunst in einer demokratischen Gesellschaft zusammenfinden könnten. Dazu waren drei der Gruppe für zwei Wochen aus Deutschland nach Griechenland angereist. Gemeinsam legten wir den Grundstein für ARTivism Drives Democracy (nachzulesen im MANIFESTO ARTivism Drives Democracy). In Kontakten mit Kulturfestivals in Athen, den dortigen großen Kulturstiftungen und zahlreichen Künstler/ - innen diskutierten und präzisierten wir unsere Ideen.

Dieser Kreis wurde dann zu einer zweiten Konferenz nach Hannover eingeladen, um zu erörtern, wie das Vorhaben als internationales Projekt finanziert und gestaltet werden könnte. Zu dieser Konferenz im Juli 2015 wurden neben den Gründern des Projektes Vertreter von Cure/Amsterdam-Eindhoven, OPORA/Chernivtsi, VEN/Hannover, Grandhotel Cosmopolis/Augsburg und dem Kulturzentrum Pavillon/Hannover hinzugezogen.

Wir beschlossen ein Expertentreffen im EU-Programm ERASMUS+ durchzuführen. Die Koordination übernahmen der Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen unter Federführung von Frank Schmitz/Hannover. PROTERRA/Klaus Windolph und Susi Weber/Grandhotel Cosmopolis wurden Co-Koordinatoren. Diese drei entwickelten ein Expertentreffen in Lemberg/Lviv/Ukraine, das von der EU genehmigt wurde und in der Zeit vom 24.5. bis 5.6.2016 durchgeführt wurde. Die Organisationsleitung und Moderation lag in den Händen von OPORA/Nazar Tymoshchuk und seinem Team (Nadiia Virna, Taras Prokop, Kristina Borhes und Inna Kirchyk). Es nahmen insgesamt 50 Gäste aus sieben europäischen Ländern und einem nordafrikanischen Land teil. Partnerorganisationen waren OPORA/Ukraine, VEN/Deutschland, PROTERRA/Deutschland, Grandhotel Cosmopolis/ Deutschland, Aesthetic Activists: ParticipARTs/Griechenland, Udruzenje gradjana „CANVAS“/ Serbien, Cure Inter-Actors/Niederlande und Mouwaten/a/Tunesien sowie Gäste aus Italien und Norwegen.

Der Kongress ARTivism Drives Democracy, diese zwei Wochen vom 24.5. bis 5.6.2016 in Lemberg und im kleinen Dorf Bryukhovychi in der Ukraine, ist gekennzeichnet durch Ambivalenz. Das war wohl auch nicht anders zu erwarten, wenn Künstler/ innen bei einem politischen Bildungskongress über die gesellschaftliche Rolle von Kunst in kreative Diskurse eintreten. Ambivalenz durch unterschiedliche Arbeitsweisen, Wissenshintergründe und methodische Differenzen macht Abläufe manchmal schwierig, kann aber auch fruchtbare Lernprozesse auslösen, die sich aus den Auseinandersetzungen und unterschiedlichen Arbeitsweisen ergeben.

Warum Ambivalenz? Hier noch etwas näher erläutert.
Erstens entsprachen die Vorstellungen über das So-Sein der Welt und über ihre materiellen Voraussetzungen, über künstlerische Interventionen, über Politik und den Kern demokratischer Strukturen vielfach nicht den unterschiedlichen Ansprüchen. Zweitens hätten trotz der intensiven Vorbereitung der Partner weiterreichende politische Grundkenntnisse und mehr Erfahrung in gesellschaftsbezogener Kulturtätigkeit bei einem Teil der Teilnehmer/ -innen die Arbeitsprozesse des Kongresses leichter machen können. Drittens entwickelte sich jedoch in unserer „Agorá“ einem für den Kongress gemieteten alten Theater, eine außerordentliche kreative Dynamik, die weit über akademische Seminarabläufe hinausging. Das gesamte Gebäude wurde von (semi-)professionellen Street-Artisten und Teilnehmer/ -innen sowie künstlerischen Laien unterschiedlicher künstlerischer Fähigkeit und politischer Ausdrucksfähigkeit als praktisches Arbeitsfeld angenommen und gestalterisch verändert. Das alte Theater entwickelte sich durch zahllose Aktionen zu einer Agorá, wie wir sie vorher beschrieben hatten:

Together we will develop, create and design that place and it will be the platform for nearly all events happening during the congress. We will examine the dynamics and needs that will evolve when you are together, creating an urban space. Starting from the first day bit by bit, this place will be enriched and activated. All the different forms of expression and methods towards social awareness and change can work on this created common ground. Streetart, theater, music, performance… To make sure that this place is open and makes participation and inclusion possible, there will be an invitation and information letter for people living in the surrounding before we arrive. It gives the citizens the possibility to have a voice in this happening and they can also offer things. <
Die Agorá wurde so zum lebendigen Veranstaltungsort für die verschiedenen künstlerisch-politischen Präsentationen der Partnergruppen. In dieser Halle, auf dieser Agorá entstand ein künstlerisch-politischer Gestaltungsraum unterschiedlichster Ansprüche, von professionell bis hin zu einfachen Experimenten, stets aber mit viel Engagement. So wurden hier schließlich auch außerhalb akademischer Ansprüche viele Zielvorgaben des Projektes so verwirklicht, dass die Meinung einer Teilnehmerin, “ARTivism Drives Democracy for me is an unforgettable experience”, für alle spricht.

Vieles spricht dafür, dass ARTivism Drives Democracy Erfahrungen der Möglichkeiten von künstlerischer Intervention in gesellschaftliche Zusammenhänge aufgezeigt hat, die sowohl praktisch als auch theoretisch in einer künftigen Weiterführung des Projektes vertieft werden sollten. Wenn Rancière (2008)1 meinte, dass das ästhetische freie Spiel eine Erfahrung bestimme, die Träger einer neuen Form sinnlicher Universalität und Gleichheit sei, dann sollten wir uns an diesem Anspruch künstlerischer Qualität, der hier noch nicht erreicht wurde, orientieren.

Also noch einmal die ambivalente Charakteristik dieses Projekts: Die künstlerischen und politischen Defizite sind das Eine. Das andere ist eine ungewöhnliche Fülle von Handlungen, Diskussionen, künstlerischen Ausgestaltungsprozessen der alten Tagungstheaterhalle, von Austauschprozessen, Kontakten und Konfrontationen mit gegensätzlichen Einschätzungsweisen, all das ein weitreichender politisch-künstlerischer Erfahrungsprozess der meist jüngeren Teilnehmer/-innen! Das erklärt auch die positive Stimmung zum Abschluss des Kongresses und darüber hinaus. Auch der Wille, weiter zu arbeiten, weiter zusammenzuarbeiten.

Auch der mutige Versuch für zwei Tage mit dem gesamten Kongress in die City der Millionenstadt Lemberg zu gehen und auch dort das Agorá-Prinzip zu testen, war erfolgreich. Eine Fülle von Angeboten des Kongresses an die Bevölkerung wurde angenommen und aktiv von den Bürger/ -innen der Stadt genutzt. Wir diskutierten und schrieben zu Aspekten dessen, was Demokratie ist, wir eröffneten eine Schreibwerkstatt für Gedichte, wir kamen Demokratie mit spielerischen Mitteln näher – mit Bällen, Bändern, Tafeln, Musik – und wir luden zur Diskussion der Bürger/ -innen auf ihren Straßen ein. All diese Aktivitäten sind ein großer Erfolg und eine unerwartet positive Erfahrung in einem Land junger fragiler Demokratie.

Die aufgetretene Ambivalenz entspricht ja auch der gesellschaftlichen Realität und Handlungsausrichtung junger Leute heute überall in Europa. Der fast zweiwöchige Arbeitsprozess hat in zahllosen Debatten, künstlerischen Interventionen im öffentlichen und halböffentlichen Raum und durch einen sehr tiefreichenden Kommunikationsprozess, insbesondere auch in Kleingruppen, Defizite erkennen und teilweise beheben lassen. Den Teilnehmern wurde bewusst, wie und wie nicht eine künstlerische Intervention in die Gesellschaft angestoßen werden muss. Dass die Philosophie „ARTivism Drives Democracy“ nur dann gesellschaftlich greifen kann, wenn wir uns selbst in einen Prozess des dauerhaften politischen Lernens und künstlerischen Experimentieren begeben. Wenn wir lernen Konsenswege zu finden, offen zu diskutieren und kulturelle Gegensätze zu begreifen suchen. Auf diesem Weg sind wir ein Stück vorangekommen.

Das praktische Arbeiten hat diesen Lernprozess verstärkt. Die Evaluation zeigte und machte in den Ausführungen der Beteiligten noch einmal deutlich, dass die Teilnehmer/ -innen eine Fülle praktischer politischer Handlungsansätze mitgenommen hatten:
• Wie Erfahrungen praktischen Handelns am Beispiel des Sturzes von Milosevic in Serbien zu einer Handlungsanleitung zu effektivem politischen Handeln weltweit werden kann. • Wie spezifische Methoden des „The Art of Dialoque/Platondialog“ und einfache Theaterinszenierungen wie in Eindhoven/Amsterdam in der Öffentlichkeit erprobt zum Bewusstsein von Zeit/Time, Platz/Square und Achtsamkeit/Care als wichtige Handlungskategorien im politischen Raum führen können. • Wie die Erfahrungen in Athen mit dem „Forum Theater“ in Anlehnung an Boal‘s „Theater der Unterdrückten“ in die Projektgruppe getragen wurden und außerordentlich aktiv und kreativ gelernt und verinnerlicht wurden. • Wie Methoden und gesellschaftliche Effekte von Street Art in Ukraine politische Effekte auslösen und im eigenen Land verwendet werden können. • Wie unsere Dokumentationen der Projekt-Erkenntnisse in Film, Foto und Web in die eigene Arbeit im Partnerland einbezogen werden können. • Wie gesellschaftlich wirksame künstlerische Gestaltungsformen mit nach Hause genommen werden konnten.

All diese Lernprozesse und erworbenen Kenntnisse wollen Teilgruppen, die sich in Lemberg bereits konstituiert haben, für Folgeprojekte nutzen. Diese sind mittlerweile auch schon in Ansätzen konzipiert worden.

ARTivism Drives Democracy möchte die heterogenen und diversen Facetten der Kunstbewegungen mit sozialer Verantwortung vereinen, Kunst mit politischer Aktion im öffentlichen Raum verbinden und so junge, gesellschaftlich engagierte KünstlerInnen mit Demokratiebewegungen zusammenführen. <

Das schrieben wir vor dem Kongress an die Teilnehmer/-innen. Dieses Ziel war sehr hoch gesteckt, dieses Ziel haben wir nur teilweise und individuell sehr unterschiedlich erreichen können. Die Motivation jedoch, die Arbeit zu ARTivism Drives Democracy intensiver fortzusetzen, ist bei vielen teilnehmenden Partnern und zahlreichen Teilnehmern sehr groß.

Was ergibt sich daraus?

Wie kann ARTivism Drives Democracy fortgeführt werden? In einer möglichen Strategischen Partnerschaft im Erasmus+ Programm der EU ab 2017 oder einem weiteren neuen Expertentreffen, sollte es um Folgendes gehen:

• Die Teilnehmer/ -innen müssen intensiv politisch gebildet werden. Die Grundlagen von Demokratie und demokratischer Politik, die Gefahren der Freiheit durch die „Solutionistische Internationale“ (Welzer 2016)2 oder durch „Liquid Democracy“ müssen geklärt werden und weitere Möglichkeiten einer Erweiterung der Demokratie mit horizontaler Beteiligung entwickelt werden. Schon in Lemberg war der Bedarf an diesen Grundlagen groß und konnte nicht umfassend genug erfüllt werden. Deshalb wurden die praktischen Informationen von CANVAS/ Belgrad zu gewaltfreien Aktionen gegen gesellschaftliche Missstände immer wieder gelobt. Bei einem Folgeprojekt müssen diese Grundlagen stärker in den Focus gerückt werden.

• Die Auswahl und Vorbereitung der Teilnehmer/ -innen sollte sich intensiv an dem Ziel orientieren, mehr künstlerisch-politischen Sachverstand in das Projekt einzubringen. Daher bedarf es auch einiger neuer Partnerorganisationen mit mehr künstlerischer und politischer Erfahrung.

• Das sehr positive Feedback zahlreicher engagierter Teilnehmer wünscht eine Fortsetzung des Lern- und Kommunikationsprozesses. Diese o.a. Facetten sollten nutzbringend in die neuen Projekte eingebracht werden.
Aber neben einer Strategischen Partnerschaft oder einem Expertentreffen, also einem EU-Projekt für junge Leute, können wir in mehreren Partnerländern konkrete praktische ARTivism-Projekte verwirklichen. Bisher laufen die Vorbereitungen zu folgenden Projekten:

  1. EUROPEAN MIRASMA NAXOS - Ein Ort der Zusammenkunft und des gemeinsamen Handelns im politischen, kulturellen und künstlerischen Bereich. Zudem ein Ort, der in der bestehenden Kulturlandschaft der Insel Naxos dem Zerfall der Landschaft durch gemeinschaftliches Handeln entgegentritt und das Internationale nicht dem Tourismus überlässt.

  2. Ein Künstlerraum in Hannover / ein „Camera Artista“ / ein Zentrum für Politik und Kunst, der die Ideen des „Künstlerladens Gretchenstraße“ und der „Europäischen Agorá – als aktiviertes Diskussionsfeld für aufklärerische Irritation und Aufstörung“ aufgreift, ist im Entstehen. Also ein Künstlerraum, in dem die Existenz und das Selbstbestimmt-Sein der Künstler/ -innen gesichert und gepflegt werden. Das möglichst mit Wohnungen für die Künstler/ -innen, die diesen Künstlerraum inhaltlich tragen. Ein Trägerteam hat sich bereits gebildet und eine Örtlichkeit wird gesucht!

  3. In der Ukraine wird in einem Folgeprojekt an der künstlerischen Aufwertung von „Lost Places“ in Dörfern auch mit Kindern gearbeitet. Dazu soll ein „Culture Club“ gegründet werden. Dieser Club will mit unserem bereits seit 2012 bestehenden Projekt Democracy in Motion zusammenarbeiten.

  4. Die Partner in den Niederlanden planen eine internationale Künstler-Zusammenarbeit, eine „Artistic Embassy Nethrelands“ mit jährlichen Veranstaltungen auf der Basis eines „Call for Artists“ bzw. eines „Artists Invite“.

Dass die Kontakte zwischen den Partnern intensiv fortbestehen und immer neue Ideen für künftige Projekte entstehen und bereits in Arbeit sind, belegt die positive Grundhaltung am Ende des Kongresses. Demokratie-Bildungsprozesse sollten die künstlerische Kreativität immer einbeziehen.

Klaus Windolph / 4. September 2016

1 Jacques Rancière(2008): Das Unbehagen in der Ästhetik 2 Harald Welzer(2016): Die smarte Diktatur. Der Angriff auf die Freiheit