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Bodenschutz und Wasserkonservierung - Modellprojekt Aperathou


Von Ruethnick - Erstellt am21. April 2008 - 3:59Druckversion

In Aperathou auf Naxos fallen jährlich etwa 600 mm Niederschlag, d. h. fast ebensoviel wie in vielen Regionen Mitteleuropas. Trotz dieser relativ hohen Niederschlagsmenge ist Wassermangel ein akutes Problem in dieser mediterranen Bergregion. Die Niederschläge fallen in kurzen Zeiträumen in den Wintermonaten. Starkregen von bis zu 100 mm in wenigen Stunden sind keine Seltenheit. Nur 1-10% der Niederschlagsmenge versickert allerdings im Boden und steht der Grundwasserneubildung zur Verfügung. 90-99% der Regenmenge gehen durch Verdunstung und Oberflächenabfluss verloren. Die Degradation der natürlichen Vegetation durch übermäßige Beweidung mit Ziegen und der zunehmende Verfall der arbeitsintensiven Ackerterrassen fördern die Bodenerosion. Sowohl ökologisch als auch ökonomisch katastrophal sind die hohen Verluste wertvoller Kulturböden und letztendlich die Verödung der Landschaft.

Das Aperathou Projekt

Ein Dorf gibt Beispiel wie praktisch Umweltschutz betrieben werden kann. Zwischen 1987 und 1995 wurden in der Berggemeinde Aperathou praktische Maßnahmen zum Schutz von Böden und Wasser durchgeführt. Die ersten Arbeiten wurden über Eigeninitiative mit Unterstützung internationaler Workcamps verwirklicht. Seit 1992 waren die Umweltmanagementmaßnahmen gegen Bodenerosion und zur Anreicherung der Wasserressourcen Teil des EU-Programms MEDSPA-91.

Projektträger waren das Gemeindeunternehmen PSATHIKAPE und das Ökologische Zentrum Naxos (K.O.E.N.). Die Projektleitung hatten Michalis Frangisko (Vorsitzender der PSATHIKAPE), Vassilis Giokaris (Geschäftsführer des K.O.E.N.) und Manolis Glezos übernommen. Manolis Glezos, der ehemalige Bürgermeister seines Heimatortes Aperathou ist heute engagierter Umweltaktionist und Ehrenmitglied der Geologischen Gesellschaft in Griechenland. International wurde er bekannt als antifaschistischer Widerstandskämpfer. Am 30. Mai 1941 holte er zusammen mit Apostolis Santa die Hakenkreuzfahne von der Athener Akropolis.

Modellgebiet

Aperathou (auch als Apiranthos bezeichnet) liegt in einer Höhe von 600 m über dem Meeresspiegel. Etwa 1000 Einwohner zählt die Gemeinde heute, 1940 waren es noch 2500. Das gesamte Einzugsgebiet des Tales „Pera Chorio“, in dem die Umweltschutzmaßnahmen durchgeführt wurden, umspannt eine Fläche von 10 km². In dem oberen, beckenartig erweiterten Einzugsgebiet nahe des Dorfes wird auf ausgedehnten Terrassensystemen Ackerbau betrieben. Hier fanden die ersten Arbeiten statt.

Ziele

Das integrierte Bodenschutzprogramm greift von allen Seiten in das System Boden-Vegetation-Wasser ein: - Verminderung der Bodenerosion - Regeneration der Vegetation - Anreicherung der Grundwasservorräte - Sammeln von Quell- und Regenwasser zur Nutzung als Trinkwasser, für die Feldbewässerung und zur Energiegewinnung

Die Maßnahmen, die durchgeführt werden, um diese Ziele zu erreichen, sind vielfältig.

Sickerdämme aus Natursteinen

Zahlreiche „Phragmata“, kleine Dämme aus Marmor, werden quer zur Talrichtung gebaut. Sie haben Maße von 2-10 m Länge, 0,5-2 m Höhe und 0,5-1 m Breite. Diese Talverbauungen bremsen die winterlichen Sturzbäche und geben dem Wasser Zeit, langsam im Boden zu versickern. So können die oberflächennahen Grundwasserspeicher aufgefüllt werden. Außerdem vermögen die Dämme die Kraft der Wassermassen zu brechen und die erosive Wirkung zu mindern.

Restauration der Terrassenmauern

Für die landwirtschaftliche Nutzung wurden die Hänge der Bergtäler terrassiert. Die fruchtbaren Terrassenböden werden durch hohe Mauern aus Natursteinen gehalten. Die Pflege dieser alten Terrassenmauern ist aufwendig. Jeder Stein muß mit dem Maultier auf schmalen Wegen in die Täler gebracht werden und dort in Handarbeit gebrochen und verarbeitet werden. Der langsam einsetzende Verfall dieser Terrassensysteme führt zum Verlust wertvollen Ackerlandes. Die Restauration der Terrassenmauern stellt einen effektiven Schutz des Bodens vor Erosion dar.

Vegetationsschutz

Durch Einzäunungen zahlreicher privater Felder und etwa 15 Hektar Gemeindefläche wurde die Basis für ein System kontrollierter Beweidung geschaffen. Langfristig sollen sich die Zwergstrauchbestände aus Zistrose, Ginster, Thymian und degradierter Kermeseiche (sog. Phrygana bzw. Garigue) regenerieren und noch vorhandene Kermeseichen-Wälder geschützt werden. Ein dichtes Blatt- und Wurzelwerk vermindert den Bodenabtrag insbesondere bei Starkregen und erhöht die Versickerungsrate der Niederschläge in den Boden, d.h. trägt langfristig zur Anreicherung der Grundwasservorräte bei.

Baumschule

In der Baumschule “Phitorio” oberhalb des Dorfes Aperathou werden heimische Gehölze und traditionelle Obstbaumsorten gezogen.

Wasserkonservierung

Eine wichtige Maßnahme ist der Ausbau eines komplexen Wasserspeicherungs- und Leitungssystems zur sparsamen Nutzung von Quell- und Regenwasser:

  • Trennung von Trinkwasser- und Feldbewässerungssystem
  • Zisternen zur Wasserspeicherung
  • Einfassung der Quellen
  • Viehtränken

Durch den Ausbau des vorhandenen Wasserleitungssystems und den Neubau großer Zisternen werden nicht nur die Wasserverluste gemindert, sondern auch die Wasserqualität verbessert.

Direkte Demokratie

Die Beteiligung der Dorfbewohner an den Umweltschutzmaßnahmen und ihre Sensibilisierung für ökologische Fragen standen bei der Projektdurchführung im Vordergrund. Von Anfang wurden Feldbesitzer an den Maßnahmen beteiligt. Das Projekt konnte nur durch breite Unterstützung in der Gemeinde erfolgreich sein, denn in im Tal “Pera Chorio” befinden sich die meisten Flächen in privatem Besitz. Durch die Aktivierung der Bevölkerung soll die Landwirtschaft im Tal wiederbelebt und ein geregeltes Beweidungssystem etabliert werden. Zur Information der Dorfbewohner und als Mitentscheidungsforen finden regelmäßig Volksversammlungen statt.

Information

Um das Interesse der Jugend für die Umweltschutzmaßnahmen des Projektes zu wecken, wurden Informationsveranstaltungen, Ausbildungsseminare und Workcamps mit internationaler Beteiligung durchgeführt.

Vor Ort werden Besuchern aus In- und Ausland die Maßnahmen zum Bodenschutz und Wasserkonservierung vorgestellt. Einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung der Projektidee in Fachkreisen leistet Manolis Glezos durch Vorträge im Rahmen von wissenschaftlichen Kongressen.

Angepaßte Technologie - Prinzip des nachhaltigen Wirtschaftens

Bei den Maßnahmen handelt es sich um eine angepaßte Technologie, die ökologisch und sozial verträglich ist.

  • Regenerative Wasservorkommen werden genutzt.
  • Die Maßnahmen tragen zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichtes bei.
  • Durch die Verwendung von Natursteinen passen sich die Bauwerke harmonisch in die jahrhunderte alte Kulturlandschaft ein.
  • Das wichtigste Baumaterial, der Marmor, ist reichlich vor Ort vorhanden.
  • Durch die Verwendung der Natursteinbautechnik für die Neuanlage und Restauration von Terrassen- und Feldeingrenzungsmauern wird eine traditionelle, jahrhunderte alte Handwerkstradition gefördert.
  • Das Arbeitspersonal stammt aus der Region.
  • Die Dorfbewohner haben die Möglichkeit, sich an Entscheidungsprozessen und bei der Durchführung des Projektes zu beteiligen.

Martina Rüthnick, Naxos 1994